16. Joseph-Höffner-Vorlesung: Das Stigma seelischer Leiden als gesellschaftliche Herausforderung

 

Gastbeitrag und Foto von Lars Schäfers

 

Mehr als jeder sechste Studierende (etwa 17 Prozent) ist in Deutschland von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das entspricht rund 470.000 Personen. Diese Zahlen aus dem Arztreport 2018 der Barmer Krankenkasse sind besorgniserregend. Für Betroffene ist dies nicht nur während des Studiums, sondern auch bei Eintritt ins Arbeitsleben eine besondere Herausforderung, etwa für Lehramtsstudierende, die eine Verbeamtung anstreben.

Die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen ist ein Forschungsfeld von Prof. Dr. Dr. Jochen Sautermeister, der Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Bonner Universität lehrt. „Wenn seelische Krankheit zum Makel wird“ – unter diesem Titel hielt er am 12. Juli die diesjährige Höffner-Vorlesung, die alljährlich von der Joseph-Höffner-Gesellschaft im Universitätsclub Bonn im Rahmen des Studium Universale veranstaltet wird. Das Format dient dazu, „das wissenschaftliche und pastorale Lebenswerk Joseph Höffners lebendig zu halten und im Blick auf aktuelle Fragen weiterzuführen“, so Prof. em. Dr. Dr. h.c. Lothar Roos, langjähriger Gründungs- und nun Ehrenvorsitzender der Gesellschaft in seiner Einführung.

 

Die gesellschaftliche Relevanz des Themas verdeutlichte Sautermeister zu Beginn anhand gesundheitsstatistischer Befunde: Psychische Erkrankungen können nicht einheitlich definiert werden. Sie zählen aber zu denjenigen Krankheitsgruppen, die die höchsten volkswirtschaftlichen Kosten – 2015 13,1 Prozent der gesamten Krankheitskosten – verursachen. Die Zahlen zur Diagnosehäufigkeit sowie zu Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung aufgrund psychischer Erkrankungen steigen seit Jahren. Hinter diesen Daten steht das Leid der Betroffenen und ihrer Angehörigen.

 

Verstärkt wird es durch die Erfahrung von Stigmatisierung als einer „zweiten Krankheit“, so Sautermeister. Krankheiten wie Schizophrenie, Zwänge oder Alkoholsucht erwecken Vorurteile und Diskriminierungen. Betroffene werden zu „Stigma-Opfern“, auch indem sie die Vorurteile auf sich selbst beziehen. Die Chancen zur Heilung der eigentlichen Krankheit werden durch das Stigma beeinträchtigt. Und als wäre das nicht schon genug, kann zudem eine „moralische Stigmatisierung“ hinzutreten. Eine solche geschieht, wenn etwa Menschen mit einer bestimmten Persönlichkeitsstörung als unberechenbar oder boshaft abgestempelt werden, oder wenn depressive Menschen unter Generalverdacht gestellt werden wie nach der Germanwings-Katastrophe, erläutert Sautermeister.

Studierende mit psychischen Erkrankungen brauchen Annahme und Hilfe statt Druck und Stigma.

Was also kann man tun? Zunächst einmal ist die krankheitsbedingte vielschichtige Verletzbarkeit und Zerbrechlichkeit der Betroffenen wahrzunehmen, jedoch ohne diese auf ihre einschränkenden Merkmale zu reduzieren. Letztlich geht es um die Frage: „Was ist normal“? Normal ist es, verletzlich und verwundbar zu sein, betonte Sautermeister. Wer auch um seine eigene Verletzlichkeit weiß, muss sich von seelisch Erkrankten nicht ab- und diese nicht ausgrenzen. Toleranz und Empathie sind gefragt. Als Theologe verwies Sautermeister zudem auf die Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen Jesu und seinen Auftrag dazu an seine Jünger. Jesus weist die stigmatisierende Vorstellung von Krankheit als Sündenstrafe entschieden zurück. Es ist festzustellen: „Der Wunsch nach Heilung, der Wunsch nach Anerkennung und der Wusch nach Selbstannahme haben eine innere Korrespondenz zur christlichen Botschaft.“

 

Und Höffner? In seinem Lehrbuch „Christliche Gesellschaftslehre“ hat dieser bereits auf die Bedeutung von medizinischer Prävention und Rehabilitation im Sinne von „Hilfe zur Selbsthilfe“ hingewiesen, stellte Sautermeister den Bezug zum Werk des ehemaligen Kölner Erzbischofs her. Es geht um „subsidiäre Solidarität“ im Hinblick auf das Menschenrecht auf bestmögliche medizinische Versorgung, führt Sautermeister Höffners Ansatz fort.

 

Dass ein solch tabuisiertes Thema wie psychische Erkrankungen und der Umgang mit ihnen zu denken geben, bezeugte nicht zuletzt die anschließende, von dem evangelischen Theologen Prof. Dr. Eberhard Hauschildt moderierte Publikumsdiskussion. Hierbei wurden unter anderem die frühere Dämonisierung seelischer Leiden im kirchlichen Kontext ebenso angesprochen wie das umstrittene Psychisch-Kranken-Hilfe-Gesetz der bayerischen Landesregierung. Es zeigte sich: Das Thema muss verstärkt auf die gesellschaftliche und wissenschaftliche Agenda, denn trotz diverser Anti-Stigma-Programme konnte eine nachhaltig wirksame Strategie zur Prävention bisher noch nicht gefunden werden. Auch an der Universität muss in dieser Hinsicht noch mehr getan werden. Studierende mit psychischen Erkrankungen brauchen Annahme und Hilfe statt Druck und Stigma.

Der AStA hält seinen Sexismus-Vorwurf gegen die BJB aufrecht

Richtigstellung: In der bisherigen Version sind wir davon ausgegangen, dass der gegen uns ausfällig werdende Rapper Vizzion selbst auch auf dem Camp anwesend gewesen sei, insbesondere auch weil er dies in seinen Ausfällen gegen uns so verbalisierte und in einer Programmübersicht der BJB vom 1.8. 2018 als Musiker aufgelistet war. Wie wir nun erfahren haben, wurde dies jedoch kurzfristig geändert, weshalb er zumindest als auftretender Künstler nicht in Bonn anwesend war. Da er jedoch zum Kreis der Rapper gehört, die auf die Kritik unsererseits mit Beleidigungen und Drohungen reagierten und offenbar auch von der BJB eingeladen wurde, halten wir unsere Kritik auch an seinen Aussagen weiterhin aufrecht.

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Umfassendes Statement vonseiten des Camps steht weiter aus

 

Nachdem die Kritik am „Thementag Feminismus“ beim Zeltlager der BJB am Samstag von dieser mit Belustigung und teils Gewaltdrohungen aufgenommen wurde, meldete sich auch der kritisierte Rapper mit einer vermeintlichen Entschuldigung zu Wort. In dieser distanziert Zeb sich von seinem Track „Bad Bitch“, weil dieser zwar vor drei Jahren seine Gefühlslage widergespiegelt habe, mittlerweile aber nicht mehr; auch ansonsten sei er natürlich keineswegs frauenfeindlich. Viele Kommentare lobten den Track nochmal, aber auch die „persönliche Weiterentwicklung“ des Rappers. Gleichzeitig jedoch griffen der Rapper und sein Umfeld Kritiker_innen seiner weiteren, ebenfalls sexistischen Lieder an und entschuldigten insbesondere den Battleraptrack, in der die imaginierte, von Gewaltfantasien begleitete Entjungferung der Schwester eines Gegners Thema ist, als normal und typisch für Battlerap. Zum Hintergrund ist bereits dem vergangenen Post einiges zu entnehmen, als Resümee kann festgehalten werden, dass sich die sexistischen Aussagen Zebs nicht auf einen einzigen alten Track beziehen, sondern sich systematisch durch seine Lieder und Battleraptracks ziehen. In diesem Zusammenhang ist auch nennenswert, dass er unter seinem Battlerap- Alter Ego auch die Zeile „Ich werd sauer und hab Lust drauf deine Mannschaft zu vergasen“ verwendet, zwar keine sexistische Zeile, aber nicht minder problematisch.

Weitere Zitatbeispiele sind unter diesem Post zu finden, da wir sie aufgrund des Inhalts gesondert aufführen wollten.

Mehrere Hinweise darauf, dass gerade linke Musik selbstkritisch mit Diskriminierungstendenzen umgehen müsse um glaubhaft zu sein, wurden in der Facebookdebatte ignoriert; Kritiker_innen wurden weiterhin beleidigt, da sie lediglich eine Hasskampagne gegen die BJB führen wollten – bereits vorangegangene Kontaktaufnahmen und privat gestreute Informationen über den Musiker wurden hierbei ignoriert.

Während die Organisationen EcoMujer und Frauennetzwerk für Frieden sich zwar zunächst entsetzt über ihre Kooperationspartner zeigten, sich dann jedoch für eine Teilnahme am Thementag entschieden – um die Möglichkeit zur tatsächlichen Aufklärung zu nutzen – kündigte die BJB eine dem Konzert vorgeschaltete Diskussion zu Sexismus und Jugendkultur an. Da es im Vorfeld weitere Gewaltandrohung gegen AStA-Mitarbeiter*innen gab, nahm aus dem AStA niemand offiziell daran teil, um sich keinem Risiko auszusetzen. Teilnehmer*innen berichten allerdings von einer einigermaßen ergebnislosen Diskussion; die Entscheidung für den anschließenden Auftritt der Rapper Zeb und Camaro wurde schließlich auch gegen interne Gegenstimmen getroffen, wobei sich die Konzertbefürworter_innen mit 5 zu 7 durchsetzen konnten. Daraufhin wurde es dem Rapper selbst überlassen, aufzutreten, woraufhin er sich für den Auftritt entschied.

Trotz der online groß zelebrierten Besserung in Bezug auf Sexismus war das Konzert dann doch das erwartete Beispiel der für viele Rapper typischen Frauenfeindlichkeit und zeigte auf, dass nicht nur Zeb, sondern auch seine Kollegen ein äußerst fragwürdiges Verständnis von Feminismus haben. Die Rapper tauchten erst etwa eine halbe Stunde nach offiziellem Konzertbeginn auf und standen somit für eine Diskussion zu den Vorwürfen im Vorfeld gar nicht erst zur Verfügung. Der darauf folgenden, insbesondere online geäußerten Kritik an den Lines über „Nutten“ wurde wiederum mit extremer Aggression begegnet: Auch vom zweiten Rapper Camaro folgte in einem anschließenden Statement die Androhung von Gewalt, neben sexistischen Beleidigungen durch den Rapper Camaro selbst wurde auch die Forderung nach Gulag-Zuweisung für AStA-Mitarbeiter_innen durch den ebenfalls beim Konzert auftretenden Rapper Vission wiederholt. Eine Zusammenfassung der getätigten Aussagen ist den Screenshots zu entnehmen, blaue Aussagen wurden vom Privatprofil des Rappers Camaro getätigt, Rot ist der im Vorfeld kritisierte Zeb und grün ist der Rapper Vizzion, der zum 1.8. noch als Special Guest angekündigt war. Camaro und Zeb sind am Samstag aufgetreten und haben sich vorher sowie im Falle Camaros insbesondere nach dem Konzert jeglicher inhaltlichen Kritik verwehrt.

Camaro gegenüber der Referentin für Frauen und Geschlechtergerechtigkeit am 5.8. 2018 unter seinem Facebookpost

Gewaltandrohung von Vizzion

 

Verteidigung seines kritisierten Battleraptracks (Textauszug siehe hier) durch Zeb

Beide Aussagen ebenfalls getätigt durch Vizzion

Vizzion und Camaro, der zwischen seinem privaten Account und der Facebookseite immer wieder wechselte, bestätigen gegenseitig die Gulagfantasie

Es wurden  Vorwürfe an die Gegner_innen laut, die angeblich in der Diskussionsrunde gefehlt hätten – da aber Kritiker_innen des Auftritts sich selbst in den Kommentaren zu Wort meldeten und da gewesen waren, erwiesen sich diese Vorwürfe als unhaltbar. Der Rapper Camaro warf diesen vor, dass sie nicht bis nach seinem Konzert gewartet hätten, denn dann hätte man ja reden können – dass die Rapcombo selbst jedoch nicht einmal pünktlich erscheinen konnte, um gegebenenfalls eine Diskussionsrunde vor dem Konzert stattfinden zu lassen, schien keinem der kritisierten Rapper ein Problem zu sein.

In einem kurzen Kommentar des Bonn City Camps, der jedoch inzwischen gelöscht ist, verteidigte dieses die Rapcombo mit der Aussage, dass der Track über „Nutten“ aus Sicht eines „Dorftrottels“ geschrieben worden und damit okay sei, zu weiteren Vorwürfen müsse man gar nichts mehr sagen. Dies scheint die letzte Aussage der Organisator_innen zu dem Thema zu sein, denn seitdem wurde keine Stellung mehr bezogen.

Während vorher nur der Rapper Zeb trotz seiner Besserungsankündigungen durch Inkonsistenz aufgefallen ist – auch andere Tracks handeln von Vergewaltigung, auch als „Ehrenstrafe“, sowie von der Vergasung imaginärer Gegner – wird nun sein Partner Camaro extrem ausfällig; damit passt er wiederum sehr gut in das Umfeld der BJB, die sich bisher zwar kurz zu den Vorwürfen gegen Zeb geäußert und ansonsten auf ihre feministische Grundeinstellung gepocht hat, allerdings mit keinem Wort auf die aggressive Diskussion eingeht, die teils auf ihren Seiten stattfindet. Hierzu gehört die Toleranz sexistischer und gewaltverherrlichender Kommentare, eine erst sehr verspätete Stellungnahme, die zudem dem Narrativ folgt, es handle sich bei den kritisierten Tracks lediglich um ein Lied und die auch in der Diskussion unter Camaros Post, obwohl sie verlinkt ist, die vom Rapper ausgehenden Angriffe und Beleidigungen unkommentiert hinzunehmen scheint. Das gleiche gilt für die Aussagen Vizzions, die vonseiten der BJB unkommentiert blieben. Letztendlich ziehen sich die Rapper und das Umfeld des Camps auf die Position zurück, wir würden sie lediglich angreifen, um aus einer Frontstellung gegen ihre Position das gesamte Camp zu delegitimieren, deshalb sei jedwede Kritik unsererseits illegitim. Dieser Vorwurf einer bewussten Hetzkampagne aus persönlicher Motivation wurde auch vonseiten der BJB an Terre des Femmes geäußert, als diese die Veranstalter des Camps um eine Stellungnahme baten.

Selbst wenn wir in vielen Punkten große Differenzen zur BJB haben und aufgrund ihrer vergangenen Angriffe gegen den AStA jegliche Kooperation mit ihr ablehnen wollen wir aber betonen, dass sich die aktuelle Kritik auf die Einladung, Akzeptanz und Verteidigung sexistischer Künstler fokussiert und als solche behandelt werden sollte, anstatt sie komplett abzulehnen.

 

Wir fordern daher weiterhin alle Unterstützer_innen des Bonn City Camps, Referent_innen sowie am Rest des Camps interessierte Besucher_innen dazu auf, die geäußerte Kritik ernst zu nehmen, sich mit den Vorfällen auseinanderzusetzen und dem Bonn City Camp eine deutliche Absage zu erteilen. Es ist eine Schande, frauenverachtenden Künstlern im Rahmen einer vermeintlich feministischen Veranstaltung eine Bühne zu bieten und ihre Angriffe auf die Kritik unwidersprochen zu tolerieren. Es ist eine Schande, ein Camp im Zentrum Bonns stattfinden zu lassen und zu unterstützen, dessen Umfeld in Facebookposts Israel als Apartheidsstaat bezeichnet und es überhaupt für nötig hält, auf eine feministische Debatte mit Faschismusvorwürfen zu reagieren und diese Debatte mit dem Nahostkonflikt zu verbinden, um die Kritiker_innen zu delegitimieren. Es ist eine Schande, einer solchen Gruppierung, für die die Beschäftigung mit Antisemitismus dem Faschismus gleichkommt, einen so zentralen Ort für die politische ‚Bildung‘ zur Verfügung zu stellen und das nicht nur, aber gerade auch so kurz nach dem gewalttätigen Angriff auf einen jüdischen Professor in Bonn. Und es ist eine Schande, dass auf all diese berechtigte Kritik lediglich mit Gewaltdrohungen und Beleidigungen reagiert wird, anstatt das eigene Verhalten zu reflektieren und sich mit den Vorwürfen inhaltlich auseinanderzusetzen.

Solange dieser Denkprozess nicht glaubwürdig und selbstreflektiert öffentlich mitgeteilt wurde, kann die Bonner Jugendbewegung  nicht als feministische Bewegung ernstgenommen werden. Es zeigt sich durch diesen Mangel an Bemühung erneut, dass sie als Bündnispartnerin nicht infrage kommt.

Zweites Statement des AStA Bonn, des Referats für Frauen und Geschlechtergerechtigkeit, der interfraktionellen Frauen*gruppe des Studierendenparlaments Matri-x furialis und des Friedrichs Wilhelm

 

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Anhang: Beispiele für Texte, wegen denen Zeb im Vorfeld kritisiert wurde

Unter dem Synonym S_A_C tritt Zeb regelmäßig in der Reim Battle Arena (kurz: RBA auf). Die hier vorgestellten Textzeilen sind Auszüge aus verschiedenen Audiodateien die auf der Homepage der RBA zu finden sind. Auch, wenn einige davon schon mehrere Jahre alt sind zeigt sich in der Kontinuität, dass bisher keine Reflexion stattgefunden hat und der Rapper Beleidigungen, die auf den Ehrverlust des Gegners durch Verweise auf Sex mit der Mutter oder Schwester abzielen, für unproblematisch und nicht antifeministisch hält. Vorsicht, derbe Texte!

S_A_C vs. Rectape

30.7. 2018

„da wurden die Mütter noch richtig gebumst, jetzt seh‘ ich nur schüchterne winzige Jungs“

S_A_C vs. Freshmint

01.05.2016

„Du wärst gern der Typ, der vielen Weibern in die Scheide bumst.“

09.05.2016

„…nehm(e) das Fixbesteck und werd deine Schwester ans Bett ketten…“

12.05.2016

„…das kann ich wie die Titten deiner Mum

aber nur mal eben blasen denn ficken war mir zu lahm – Nein!

bitte sag mir nicht du bist ein Flow-Gott ,

denn auch deine Schwester kennt bei mir keinen Blow-Stop,

bis es ihr hochkommt.

Dann nehm ich ihr´n Po doppelt so hart und sag, dass die Bestrafung von ihrem Blow kommt.

Sie denkt ihr Würgereiz würde ihre Würde sein.

Ich hole ein paar Typen und dann rennen wir zu dritt ihr Hintertürchen ein.“

 

S_A_C vs. JaryMane

11.04.2016

„Du nennst meinen Schwanz jetzt Hoheit, sonst gibts Klatschen für deine Schlampen“

14.04.2016

„…machst einen auf Rapgigant doch auf der Bühne wächst dir ne Scheide“

16.04.2016

„Deine Schwester wird hier blasen weil sie gerne möchte und wird danach von mir bewertet so wie Sterneköche.“

„…ich fahr zu deiner Mama nach Hause und dann hau ich sie dort den ganzen Tag weg“

 

S_A_C vs. _Key_

25.11.2012

„ey du punchst wie ne Frau“

27.11.2012

„Deine Frau ist eine Hure weil sie freizügig ist, breitbeinig so da hockt und weitet ihr Arschloch…“

„Ich werd sauer und hab Lust drauf deine Mannschaft zu vergasen“

„Deine Freundin hat mich schon so geknackt, wie deine kleine Schwester die mir in die Hose fasst und sagt: „Größer als bei meinem Bruder.“ Verdammt ich habs gewusst ihr seid dreckige Luder“

 

zeus der ketzer vs. S_A_C

25.01.2012

„Du bist leider nur so peinlich wie ein weiblicher G“

 

 

 

Feminismus: In der Theorie gut, in der Praxis irrelevant

Ein Feminismus- Thementag, garniert mit sexistischer Musik?

 

Am kommenden Wochenende soll in der Poppelsdorfer Allee zum wiederholten Mal das Bonn City Camp stattfinden, ein von der Bonner Jugendbewegung (BJB) organisiertes Camp, das sich mit Feminismus, Antifaschismus und Rassismus auseinandersetzen will.

Die BJB ist bereits wiederholt in die Kritik geraten und wird von vielen antirassistischen Bonner Initiativen gemieden, weil ihre Nähe zur MLPD und ihr Umgang mit politischen Gegner_innen als problematisch betrachtet wird. Als Reaktion auf ihre wiederholten verbalen Angriffe auf den AStA der Uni Bonn und ihre ideologische Problematik hat dieser bereits vor zwei Jahren entschieden, ihre Flyer nicht mehr zu verteilen. In der Vergangenheit wurde der BJB vorgeworfen, die Jugendorganisation der AKAB zu sein, einer vom Verfassungsschutz beobachteten, mutmaßlich stalinistischen und in Kaderstruktur organisierten Gruppierung. Menschen aus beiden Gruppen sollen bereits mindestens verbal antisemitisch ausfällig geworden sein, etwa auf der Demonstration gegen den Naziaufmarsch in Remagen im Jahr 2015. 

 

Diese BJB veranstaltet nun einen Feminismus-Tag und es lohnt sich, diesen unter die Lupe zu nehmen:

„Weil alle drei Tage eine Frau* an den Folgen häuslicher Gewalt stirbt. Weil Frauen* bei gleicher Arbeit immer noch weniger verdienen als ihr männlichen Kollegen. Weil typische ‚Frauenberufe‘ schlecht bezahlt sind und keine Anerkennung bekommen. Weil Familiengründung für Frauen* eine Frage ihrer Existenz ist. Weil Frauen* in vielen Aspekten grundsätzlich nicht so ernst genommen werden wie Männer und für Anerkennung viel härter arbeiten müssen. Weil immer noch Menschen aufgrund ihrer Genderidentität und ihrer Sexualität ausgegrenzt, ermordet und verfolgt werden.“

Das liest sich nach Inhalt, nach einer feministischen und antisexistischen Kritik an den bestehenden Verhältnissen. Ein ganzer Tag voll feministischer Theorie, ein gesellschaftskritisches Camp, das von Konzerten begleitet wird. Einer der Künstler: Der Rapper Zeb. Und dessen Lied „Bad Bitch“ wartet mit folgenden Zeilen auf:

 

„Dich will man nich mal für Sex, Bitch […] wurdest gelobt für deine Anständigkeit und jetzt, ja, bekannt für deine Schwanzleckerei[…] sie ist die Richtige, wenn ihr euch anstecken wollt“.

Update: Seit dem 1.8. gegen 16 Uhr ist dieses Video plötzlich nicht mehr verfügbar.

Eine noch wesentlich ausfälligere Textpassage findet sich in diesem Video: 

„Denn auch deine Schwester kennt bei mir keinen Blow-Stop bis es ihr hochkommt, dann nehm ich ihr´n Po doppelt so hart und sag das die Bestrafung von ihrem Blow kommt.
Sie denkt ihr Würgereiz würde ihre Würde sein, ich hole ein paar Typen und dann rennen wir zu dritt ihr Hintertürchen ein“

Dies zeigt gleichzeitig, dass der Rapper offenbar wiederholt frauenverachtende und gewaltverherrlichende Texte schreibt und performt und es sich bei dem oben verlinkten Lied keinesfalls um einen veralteten Einzelfall von 2015 handelt. Das zweite Video haben wir nach der plötzlichen Löschung des ersten gesichert.

Warum er zu einem solchen Camp eingeladen wird? Er veröffentlichte gemeinsam mit einem weiteren Musiker auch ein rassismuskritisches Lied gegen völkisches Denken. Dies scheint der BJB offenbar Grund genug, über seine weiteren, frauenverachtenden Texte völlig hinwegzusehen. Nun könnte man einwenden, sie sei sich dessen möglicherweise nicht bewusst gewesen. Allerdings wurden bereits kurz nach Bekanntgabe der Musiker_innen Zweifel laut und das entsprechende Musikvideo gepostet. Die BJB, die sich durch die Flyerablehnung des AStA zensiert sieht und dem AStA als Motivation mangelnden Einsatz gegen Rassismus vorwirft, verhält sich nun erschreckend ruhig.

Genau hier zeigt sich aber, wie wenig tiefgründig der Thementag Feminismus ist, wenn das Camp selbst bereits daran scheitert, frauenverachtende Musik vom Feminismusthementag fernzuhalten und sich die Veranstalter_innen nicht dazu äußern. Feministische Theorie schön und gut, aber nur, solange sie den Kampf gegen Rassismus nicht einschränkt und Sexismus im rechten und mittleren Spektrum der Gesellschaft verortet. Wenn es aber um eine feministische Selbstkritik und Selbstreflexion sexistischer Gedanken in den eigenen Reihen geht, scheitern die Veranstalter_innen offenbar.Dies sollte insbesondere für die anderen eingeladenen Musiker_innen und Referent_innen, aber auch für alle am Camp Interessierten ein deutliches Alarmsignal sein. Gleichberechtigung funktioniert nicht, wenn sie am Ende weniger wert ist als Antirassismus. Verschiedene Ungleichheiten und Diskriminierungen innerhalb der Gesellschaft können nicht bekämpft und überwunden werden, wenn man sie gegeneinander ausspielt und ohne eine Reflexion der eigenen Vorurteile und Verhaltensmuster lässt sich nichts davon in die Praxis umsetzen. Die BJB, die sich schon in der Vergangenheit als unfähig erwiesen hat, sich mit inhaltlicher Kritik an ihrem politischen Aktivismus auseinanderzusetzen, scheint diese Unfähigkeit bisher nicht abgelegt zu haben. Aus diesem Grund positionieren wir uns deutlich gegen das stattfindende Camp und rufen alle Interessierten, Referierenden und eingeladenen Musiker_innen dazu auf, ihre Teilnahme am Camp zurückzuziehen.

 

In diesem Kontext haben wir bereits einige Referent_innen und Musiker_innen kontaktiert und warten auf ihre Antworten.

Gemeinsames Statement der AStA Zeitung „Des Friedrichs Wilhelm“, des Referats für Frauen und Geschlechtergerechtigkeit des AStA Bonn und der interfraktionellen Frauen*gruppe im Bonner Studierendenparlament „Matri-x furialis“.

 

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Update 2.8.:

Gemeinsam mit dem Lied Bad Bitch, das von Youtube verschwand, veröffentlichte der Rapper ein Statement auf Facebook, in dem er sich dazu äußerte, dass dieses Lied aus einer negativeen Emotion heraus gegen eine Einzeplerson geschrieben worden sei, was er heute so nicht mehr tun würde. Auch, wenn wir es für sehr begrüßenswert halten dass das Video mittlerweile nicht mehr aufrufbar ist, halten wir unsere Forderung weiterhin aufrecht. Erstens hat sich die BJB weiterhin noch mit keiner Silbe zu dem Vorfall geäußert, andererseits stellte sich in der Diskussion heraus, dass der Battleraptrack für Zeb offenbar kein Problem darstellt, da man im Battlerap nun einmal denunziert. Für uns bleibt weiterhin klar, dass die Art der Denunziation in diesem Lied die Grenze dessen überschreitet, was als kreativer Diss im Battlerap betrachtet werden kann und ein Frauenbild produziert, dass die Würde dieser Frau auf ihre Sexualität reduziert. Hierbei ist völlig egal, ob es sich um einen fiktiven oder realen Charakter handelt. Wir finden es schade, dass die bisher einzige Reaktion in der Debatte darin besteht, dass Menschen, die sich selbst nicht zur BJB zählen, wohl aber zu ihrem ideellen Umfeld, die inhaltliche Kritik bisher gänzlich ablehnen und unser Vorgehen als das „getriggerter“ „Femimiministinnen“ wahrnehmen. Auch hierin wird einmal mehr deutlich: Sexismus und mangelndes Bewusstsein dafür existiert auch in antirassistischen Gruppen. Ohne diesen zu reflektieren, wird geschlechterbedingte Ungleichheit nicht überwunden werden.

Wir, Pardon – Wer?

 

Ganz klar ist es jedenfalls nicht: Unsere Universität feiert zweihundertjähriges Jubiläum, und da man ja schon das Hauptgebäude nur halb sehen kann, wählt man wenigstens so ein inklusiv wirkendes Logo. Wer ist dieses ‚man‘? Vermutlich Teil von diesem ominösen ‚Wir‘.

 

Wir Studenten, das sei vorangestellt, sind damit garantiert nicht gemeint. Es handelt sich nun einmal nicht um eine AStA- oder – horribile dictu – Graswurzelkampagne, sondern eine von der Universität straff durchorganisierte Veranstaltungsreihe. Was sonst – wir alle, die wir mit der Universität irgendwie verbunden sind? Professoren, Studenten, Verwaltung, alle gemeinsam? Dann verwundert es immer noch, wie über Angelegenheiten wie die Hofgartenwiesenwiesensperrung oder eben dieses Logo entschieden wird. Mich hat man jedenfalls nicht gefragt, und Dich, lieben Leser, vermutlich auch nicht – ‚Wir‘ aber müssen uns mit der Frage beschäftigt haben.

 

Der ehrenwerte Fritz Willi Drei, der ehedem die Universität gründete und prompt nach sich selbst benannte, kann im pluralis majestatis auch nicht gemeint sein, er ist ja schließlich schon ein paar Jahre tot. Trotzdem wählt man das von ihm Geschriebene, direkt aus der Gründungsurkunde entnommen, als Logo. Vollständig heißt es da übrigens: „Wir, Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden, König von Preußen,“ etzettera pe pe, siehe auch die Illustration oben. Mehr als das ‚Wir‘ haben Wir uns aber anscheinend nicht getraut. Noch so ein Zeichen, dass zumindest aus unserer Redaktion niemand beteiligt war.

Wir schlagen also einen Bogen von den Anfangstagen der Universität bis ins Heute, von damaligen Gepflogenheiten bis zu unseren jetzigen, anscheinend ohne Uns zu fragen, ob das wirklich das Signal ist, das Wir senden wollen. Arndt muss man da nicht einmal bemühen, die Kontinuität mit dem preußischen Obrigkeitsstaat, der sich damals gerade frisch als Besatzer im Rheinland eingenistet hatte, sollte schlimm genug sein. Uns egal. Wieso?

 

Man verzeihe mir, und hoffentlich verzeihen auch Wir, mein küchenpsychologisches Spekulieren: Wir – also wir, die wir darüber nachdenken, nicht nur Wir – haben es mit einem Minderwertigkeitskomplex  zu tun. Die Leitung unserer Universität fühlt sich metaphorisch kastriert, fremdgesteuert, durch Sachzwänge ihrer Autonomie beraubt. Die kognitive Dissonanz, sowohl der eigenen Aufgabe gewachsen zu sein als auch für solche kolossalen Fehlentscheidungen wie die Renovierung der Universität während des großen Jubiläums zu verantworten, ließe sich anders auch nur schwer aushalten. So versucht man – pardon: versuchen Wir, einen Abglanz des alten Gottesgnadentums auf uns herabzubeschwören, um zumindest dem Anschein nach unbeschränkte Macht zu erlangen.

 

Dass dieser Versuch Unseren Komplex nur noch befeuern wird, liegt in der Natur der Sache. Des  fw empfiehlt: Anderthalb Milligram Clonazepam nach Bedarf und etwa vier Wochen Urlaub. Wenn Wir einmal ordentlich die Seele baumeln lassen, gibt sich das schon. In zwei Jahren kann man ja auch wieder zwischendurch auf der Wiese entspannen.

 

Des fw hat übrigens auch beim Rektorat angefragt, ob man für ein Interview zur Verfügung stehe. Bis jetzt haben wir keine Antwort erhalten (Anmerkung: Nach Veröffentlichung wurden wir darum gebeten, uns in derlei Fragen doch an die Presseabteilung der Uni zu wenden. Unsere Anfrage hat man wohl übersehen).

Rockkonzerte zu Ehren Hitlers

Kommentar zur Filmvorführung „Blut muss fließen“

Eine hellblonde Heino-Perücke, beiger Trenchocat, Sonnenbrille und Schminke, die seine Gesichtszüge verändert – wenn er einen Pressetermin hat, muss Thomas Kuban sein eigentliches Aussehen verbergen. Der Grund dafür? Von 2003 bis 2012 begab er sich heimlich in neonazistische Gruppierungen und besuchte rechtsradikale Konzerte und Festivals. Dies filmte er, um auf die Gewaltbereitschaft aufmerksam zu machen und den öffentlichen Druck zu erhöhen, damit die Polizei und Justiz die Gefahr dieser Konzerte erkennen und unterbinden können. Einige kurze Sequenzen liefen etwa bei SpiegelTV, zusammengefasst entstand ein Dokumentarfilm mit dem Titel „Blut muss fließen“. Dieser Film wurde am 15. Mai im Rahmen des Festival contre le Racisme vom AStA gezeigt, im Anschluss gab es dazu ein Gespräch mit dem Regisseur Peter Ohlendorf.

 

Rudolf Hess – Schweigeminuten, Gewaltfantasien und Hitlergrüße

Neonazifestivals und -konzerte  machen immer wieder Schlagzeilen, zuletzt etwa das geplante Rechtsrockkonzert in Themar, das wegen brütender Vögel durch die Polizei unterbunden werden konnte. Auch das zum Anlass des Geburtstags Hitlers regelmäßig stattfindende Festival in Ostritz,erhielt mediale Aufmerksamkeit, da es dieses Jahr trotz strikter Auflagen zum Alkoholkonsum durch die sich am örtlichen Supermarkt betrinkenden Neonazis für die Dorfbewohner_innen mehr als ungemütlich wurde. Strenge Auflagen sollen eigentlich verhindern, dass beispielsweise strafrechtlich relevante, indizierte Lieder gespielt werden, die Polizei muss verbotene Symbole etwa auf T-Shirts konfiszieren und Hitlergrüße unterbinden. Die Dokumentation stellt jedoch heraus, dass dies selten wirklich in ausreichendem Maße passiert. Häufig verlassen die Polizisten vor Konzertantritt den Saal, mitunter sind sie mit den anwesenden Organisatoren sogar per Du. Auf den gefilmten Konzerten fanden sich Hitlergrüße und Schweigeminuten für führende Köpfe des Dritten Reichs sowie massenweise Symbole verbotener Organisationen. In Hinterhofläden, die Musik und Kleidung vertreiben, lässt sich mit ein wenig Geduld und Vertrauen oftmals ein Koffer mit indizierten CDs einsehen, die ebenfalls gekauft werden dürfen. Damit konfrontiert, verteidigte sich auf einer Pressekonferenz zum Verfassungsschutzbericht 2006 der damals amtierende bayerische Ministerpräsident Günter Beckstein, man könne im Einzelfall in einer Konzertsituation schwer feststellen, welche Texte und Lieder indiziert seien, allerdings würde man neonazistische Konzerte stets kritisch begleiten. Wie man darauf kommen kann, dass ein Text, der davon handelt, Jüd_innen Messer in den Leib zu rammen, nicht indiziert sein könne, darüber gab er keine Antwort.

Filmförderung? Fehlanzeige!

Die anwesenden Journalist_innen der Pressekonferenz sahen keine Notwendigkeit, einzuhaken und den offensichtlichen Widerspruch zwischen der angeblichen und tatsächlichen Konsequenz der Behörden zu thematisieren. Trotz der Brisanz des Themas erhielt Kuhn für den Film keine Finanzierung. Stiftungen, öffentlich-rechtliche Sender und sonstige mögliche Geldgeber hielten das Thema nach Wahrnehmung der beiden Filmschaffenden für nicht relevant genug, um es weiter zu erforschen. Da jedoch die versteckte Kamera für Kuban absolut professionell sein musste, um nicht aufzufallen, investierte er aus Überzeugung für die Relevanz des Themas selbst in die Ausrüstung – bis zur Fertigstellung des Films betrug dies mehrere zehntausend Euro.  Eine Anfrage zu einem Gespräch mit Schäuble im Bundestag wurde Kuban mit der Aussage verwehrt, er dürfe dieses nicht maskiert führen. Dass die Verkleidung seine Lebensversicherung darstellte wurde als Argument nicht gelten lassen. Tatsächlich ist es für ihn nicht möglich, unverkleidet den Film vorzustellen oder Interviews zu geben. Nach 12 Jahren verdeckter Recherche in extremsten gewaltbereiten Kreisen gab es mehr als eine Person, die seinen Tod herbeisehnte. Nicht zuletzt deshalb war die Fertigstellung des Films schwierig. Auch der Regisseur Ohlendorf erzählte von Schwierigkeiten. Im Gespräch mit Kolleg_innen hätten diese oft sehr verwundert reagiert, wenn er beispielsweise ein Jahr später mit dem Film noch immer nicht fertig gewesen sei und häufig nachgefragt, ob er das Thema denn wirklich für so berichtenswert halte. Während seiner neunjährigen Entstehung  war der Film begleitet davon, dass Institutionen, Behörden und Medien das Thema gewaltbereite Neonazis und Rechtsrockkonzerte massivst unterschätzten. Als positives Gegenbeispiel wird die Polizei Berlin genannt, die ihre Beamten extra für den Umgang mit rechtsextremen Veranstaltungen schult und konsequent eingreift– dies sei jedoch leider nicht bundesweit der Fall.

Nur ein kurzes Umdenken durch den NSU

Nach dem Auffliegen des NSU bekam „Blut muss fließen“ Aufwind. 2012 wurde er auf der Berlinale gezeigt und dadurch einem größeren Publikum bekannt, zudem erhielt er den Alternativen Medienpreis und wurde vielfach gelobt. Seitdem wird er regelmäßig vorgeführt. Durch den Druck befasste sich auch die mediale Öffentlichkeit stärker mit dem Thema. Das Interesse scheint jedoch wieder verflogen zu sein. Die Besucher_innenzahlen gehen zurück und langfristige Konsequenzen fehlen. Ein wirklich konsequentes Eingreifen bei rechtsradikalen Konzerten sei noch immer häufig Mangelware, mokiert Ohlendorf. Existiert Videomaterial, wird nach vorheriger Leugnung oder Herunterspielen von Straftaten zwar ein Strafverfahren eingeleitet,allerdings selten erfolgreich: Wenn Neonazis nicht vor Ort nach Zeigen des Hitlergrußes oder wegen bestimmter Symbole festgenommen werden, ist ein verpixeltes Handyvideo nicht Beweis genug, zweifelsfrei die jeweiligen Verantwortlichen herauszustellen. Ein Grund dafür ist jedoch auch die Tatsache, dass die Konzerte häufig jenseits der deutschen Grenzen stattfinden, etwa in Ungarn. Die dortige Bevölkerung, die häufig weiter rechts steht als die deutschen Durchschnittsbürger_innen (die nationalkonservative, rechtspopulistische Regierungspartei Fidesz unter Viktor Orbán erhielt bei der diesjährigen Wahl in Ungarn circa 49 % der Stimmen), sowie die Behörden sehen dies vor Ort noch weniger kritisch als hier.

Unterschätzen ist gefährlich

Was dieser Film jedoch auch zeigt: Neonazistrukturen werden häufig unterschätzt. Dass sie in der Lage sind, Tausende von Konzertbesuchern unbemerkt bis nach Norditalien zu schleusen, weist auf eine internationale Vernetzung hin. Die britische Blood and Honour-Bewegung ist beispielsweise unter anderem Namen auch in Deutschland aktiv. Wer die Konzerte besuchen möchte, wird von Treffpunkt zu Treffpunkt weitergeleitet und erhält oft erst am Ende die Adresse der Konzertlocation. Insbesondere für junge Menschen stellt die Musik allerdings einen wichtigen Anknüpfungspunkt zur Szene dar, die Musik transportiert die Ideologien und fungiert als „Einstiegsdroge“ für rechte Kreise. Insbesondere, wenn die Organisatoren von Rechtsrockkonzerten aus den Dörfern stammen, in denen die Festivals stattfinden, ist der soziale Zusammenhalt stark. Der Sohn des Nachbarn ist im Zweifel „einer von uns“, seine rechtsextreme Ideologie wird als zwar etwas seltsam abgetan, aber eigentlich ist er ganz lieb. Dazu kommt etwa in Ostdeutschland eine ohnehin stärkere Toleranz für rechtes Gedankengut. Durch die mangelnde öffentliche Infrastruktur, die noch immer in vielen ostdeutschen Provinzen herrscht, fungieren dort Rechtsradikale mitunter als Alleinunterhalter der Jugendlichen und erfahren großen Zulauf. Werden Organisationen verboten, gründen sich neue Gruppierungen. Wie bei Räuber und Gendarm finden die Rechten stets neue Wege, sagt Ohlendorf. Allerdings hätte die Polizei Mittel und Wege, derartige Veranstaltungen konsequent zu verbinden. Beim Verdacht auf weitreichende Straftaten kann dies passieren. Die Konzerte der Vergangenheit belegen eine genügend hohe Anzahl – trotzdem finden viele weiter statt. Polizist_innen seien oft nicht ausreichend geschult, generell ist aber ein vorheriges Unterbinden wesentlich sinnvoller – denn ein Festival mit 1000 betrunkenen Neonazis bringt nicht zuletzt die eingesetzten Polizist_innen in Gefahr, wenn sie die Straftaten aufnehmen müssen. Dass einige von ihnen dann lieber vor der Halle warten und der Gefahrensituation entgehen möchten, ist zumindest nachvollziehbar. Bestimmte autoritäre Strukturen und mitunter Akzeptanz für Rassismus in den eigenen Reihen zeigen jedoch auch, dass auch und insbesondere innerhalb der Polizei dringender Handlungsbedarf besteht.

Was vom Film und dem Gespräch bleibt, ist ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, vor allem darüber, dass die Aufmerksamkeit für das Thema so schnell wieder verflogen ist. Ohne konsequentes Eingreifen können sich Neonazistrukturen ausbreiten und werden stark – diese Gefahr scheint mitunter im Verständnis politischer Parteien noch nicht angekommen zu sein. Es ist einfacher, über islamistischen Terrorismus zu sprechen, denn in der öffentlichen Wahrnehmung erfolgt hier noch immer eine häufige Abgrenzung von „uns“ gegen „die Islamisten“, die nicht zu „unserer“ Gesellschaft gehören. Rassistische Aussagen, die innerhalb der eigenen Peergroup stattfinden, werden oft leichter akzeptiert – denn die Sprechenden werden stärker als Teil „unserer Gesellschaft“ wahrgenommen. Hier gilt es, einzugreifen und derartiges Gedankengut langfristig zu bekämpfen– auch und gerade in der Mitte der Gesellschaft. Auch die Politik muss begreifen, dass Neonazis kein vorübergehendes, sondern gut organisiertes Phänomen sind. Ein erster Schritt wäre etwa eine Stellungnahme von Schäubles Büro zur Ablehnung des Interviews mit Thomas Kuban oder eine selbstkritische Reaktion des bayerischen Innenministeriums. Dies würde zeigen, dass politische Akteure die Wichtigkeit des Problems begriffen haben und es angehen wollen. Beides ist bisher ausgeblieben.

 

Anwesenheitspflicht: Legal, Illegal, Scheißegal?

Gastbeitrag von Simon Merkt

 

Seit 2014, als die damalige,  rot-grüne Landesregierung ein neues Hochschulgesetz für NRW auf den Weg brachte, ist die Anwesenheitspflicht an nordrheinwestfälischen Universitäten und anderen Hochschulen eigentlich größtenteils abgeschafft. Im damals  so benannten Hochschulzukunftsgesetz heißt es in Paragraph 64 Absatz 2a:

„Eine verpflichtende Teilnahme der Studierenden an Lehrveranstaltungen darf als Teilnahmevoraussetzung für Prüfungsleistungen nicht geregelt werden, es sei denn, bei der Lehrveranstaltung handelt es sich um eine Exkursion, einen Sprachkurs, ein Praktikum, eine praktische Übung oder eine vergleichbare Lehrveranstaltung.“

Das Gesetz unterscheidet hier also klar zwischen Veranstaltungen, welche durch Interaktion der Studierenden untereinanter oder mit den Dozierenden einen Mehrwert gegenüber dem Selbststudium von Literatur, Online-Kursen oder anderer eigenständiger Methoden einen Mehrwert  bieten, und Veranstaltungen, die aus simplem Vortragen des zu erlernenden Stoffs bestehen und diesen Mehrwert  eben nicht bieten.

Doch was heißt das jetzt für das in den meisten Studiengängen als Seminar bekannte Format, in welchem  jede Sitzung abwechselnd ein Vortrag von Studierenden gehalten wird? Irgendwie machen hier Studierende ja mit, aber wirkliche Interaktion innerhalb der Veranstaltung findet nicht statt. Das Dekanat der Philosophischen Fakultät fand in einem Rundschreiben kurz nach in Kraft treten des Verbots klare Worte und schreibt nach einer kurzen Auflistung der vom Gesetzestext ausgenommenen Veranstaltungstypen (s.o.): „Für alle anderen Veranstaltungstypen – darunter ausdrücklich der Veranstaltungstyp des Seminars – darf keine Anwesenheit verpflichtend gemacht werden.“

Auch für Seminare scheint also zu gelten, dass Anwesenheit nur dann erforderlich  sein darf, wenn sie zur Vermittlung des Lernstoffs notwendig ist, hier also logischerweise nur am Tag des eigenen Vortrags.

 

Doch wieso jetzt dieser Artikel vier Jahre nach Einführung des Gesetzes? Er scheint  aus zwei Gründen notwendig.

Zum einen halten sich viele Dozierende schlicht nicht an das Verbot der Anwesenheitspflicht oder umgehen es. Vermutlich aus Angst  halbleere Veranstaltungsräume würden in erster Linie für die mangelhafte Qualität der Lehre sprechen – was sicherlich nur teilweise zutrifft – wird hier die Chance verkannt, die für Studierende besteht, wenn sie nach eigenem Tempo, zu flexiblen Zeiten und mit dem von ihnen bevorzugten Medium  lernen.

Der andere Punkt ist, dass die aktuelle, schwarz-gelbe  Landesregierung plant, unter dem Label Hochschulfreiheitsgesetz diese Wahlfreiheit der Studierenden über ihre Lernmethode wieder zu kippen und die Universitäten bzw. Fakultäten über das Ausmaß der Anwesenheitspflicht entscheiden zu lassen. Wie diese v or-Ort-Entscheidungen wohl ausfallen werden  scheint absehbar, wenn man sich konkret anschaut, mit welchen Fällen Studierende ans  hochschulpolitische Referat des Bonner AStA treten . Von vermeintlichen Übungen, die beim genaueren Hinsehen aus reinem Monolog bestehen, bis zu Anwesenheitslisten, die – und zwar erst auf Nachfrage – rein statistischen Zwecken dienen sollen und – hier gehen mündliche und schriftliche Aussagen teilweise außeinander – spätere Notengebung und Zulassungen natürlich nicht beeinflussen  scheint hier der kriminellen Kreativität keine Grenzen gesetzt.

 

Deswegen ist es unerlässlich  für die Idee hinter  dem Anwesenheitspflichtsverbot zu werben und auf die drohende Abschaffung hinzuweisen. Vielleicht kann hier ja  ein ähnlicher Erfolg wie bei den Studiengebühren für Studierende aus n icht-EU-Ländern erziehlt werden. Dieses Vorhaben wurde nach erheblichem Protest erst mal  auf die lange Bank geschoben und  es ist fraglich, ob es überhaupt noch realisiert wird.

Außerdem ist es bis zur Abschaffung noch ein langer Weg und  aktuell gilt das Verbot noch. Jeder Umgehungsversuch lässt sich also verhindern und auch,  wenn eine Klage für Betroffene ein mühsamer Weg ist, zeigt die Erfahrung, dass es oft schon reicht  Dozierende mit Nachdruk auf die bestehende Gesetzeslage hinzuweisen. Falls Angst vor negativen Konsequenzen bei der Notenvergabe besteht oder der passende Gesetzespassus nicht parat ist, hilft das hochschulpolitische Referat des AStA (hopo@asta.uni-bonn.de) gerne

 

 

 

Bonner Kriegsvorträge 1939-44

Über den geistigen „Kriegseinsatz der Dozentenschaft der Bonner Alma mater“

„Nur wer seine Vergangenheit ehrt, ist einer bedeutenden Zukunft würdig.“, so sagte Heinrich von Sybel, Rektor der Universität Bonn anlässlich des Jubiläums zum 50jährigen Bestehen der Universität im Jahre 1868, wo es natürlich schon genauso unangebracht und falsch war, wie 75 Jahre später, 1943, als dieses Zitat auch einer Festschrift zum 125jährigen Bestehens der Universität in einem von Rektor und Senat verfassten Vorwort vorangestellt wurde. Rektor der Universität war seit 1939 der Mineraloge Karl F. Chudoba, eben jener Rektor, er noch im gleichen Jubiläumsjahr 1943 mit Talar und Hitlergruß zur „Heldengedenkfeier“ durch den Innenhof des Hauptgebäudes schritt.

„Kriegseinsatz der Dozentenschaft“

Die Festschrift wurde veröffentlich im Rahmen einer Heftreihe, die zu den 1939 begonnenen „Kriegsvorträgen der Universität Bonn“ herausgegeben wurde. In seiner Funktion als „Gaudozentenführer“ war Rektor Chudoba auch Herausgeber der Schriftenreihe, in der insgesamt 129 Hefte erschienen.

Die „Kriegsvorträge“ selber wurden in öffentlicher Vorlesung gehalten und sind im Wesentlichen deutlich von deutscher bzw. nationalsozialistischer Ideologie geprägt. Laut Chudoba stellten die Vorträge eine Art „Kriegseinsatz der Dozentenschaft der Bonner Alma mater dar“. Freilich versah manch’ anderer Dozent seinen Kriegseinsatz auf eine wesentlich unmittelbarere Art und Weise, manch’ ehemaligen Rektor der Alma mater verschlug es bis ins „Führerhauptquartier“.

Doch wurde der totale Krieg nicht nur auf dem Land, auf dem Wasser und in der Luft geführt, sondern auch als Teil einer „ entscheidenden geistigen und weltanschaulichen Auseinandersetzung um den neuen Sinn der Geschichte“ angesehen, in deren Dienst sich die Bonner Universität nicht erst mit den Kriegsvorträgen – eine Einrichtung, die an anderen Universitäten übrigens keineswegs üblich und in ihrem Ausmaß wohl reichsweit einmalig war – gestellt hatte.

Treue zu Hitler

Bereits am 4. März 1933 hatten Bonner Professoren im General Anzeiger ihre Treue zu Adolf Hitler erklärt: „Wir unterzeichneten deutschen Universitäts- und Hochschullehrer erklären heute in aller Öffentlichkeit, dass wir in der Machtübernahme Adolf Hitlers und dem Zusammenschluß der nationalen Kräfte, die am Wiederaufbau des deutschen Volkes mit tätig sein wollen, den richtigen Weg sehen (…) Wir als deutsche Männer, als berufene Lehrer der akademischen Jugend unseres Volkes, sind überzeugt, daß es der nationalsozialistischen Bewegung in Verbindung mit allen aufbauwilligen Kräften unseres Volkes gelingen wird, auf allen Gebieten des Lebens zu dem Wandel der nationalen und sozialen Gesinnung und Handlungsweise zu kommen, die für unser Volk Grundbedingung des Wiederaufstiegs ist. (…) Wir erwarten zuversichtlich von der derzeitigen Reichsregierung unter Führung Adolf Hitlers die Gesundung unseres gesamten öffentlichen Lebens und damit die Rettung und den Wiederaufstieg Deutschlands und sind fest entschlossen, jeder an seinem Teil dafür zu wirken.“

Die Kriegsvorträge wurden von Bonner Dozenten, aber auch von Dozenten anderer Universitäten und von Mitgliedern der NS-Organisationen gehalten. Zu Wort kamen etwa der Bonner Professor für Germanistik und SS-Hauptsturmführer Karl Justus Obenauer, der im Jahre 1936 als Dekan der philosophischen Fakultät für die Aberkennung der Ehrendoktorwürde von Thomas Mann verantwortlich war oder der spätere Dekan der Philosophischen Fakultät, Kurt Tackenberg.

Fortgesetzt wurden die „Kriegsvorträge“ bis zur Schließung der Universität im Jahre 1944. Rektor Chudoba versuchte danach übrigens noch im Jahre 1945 – zu einem Zeitpunkt, an dem Bonn längst von alliierten Soldaten besetzt war – mit seinem als kriegswichtig eingestuften und nach Göttingen verlagerten Institut eine Art Exilrektorat der Bonner Universität zu besetzen. Diesen Bemühungen blieb jedoch eine „bedeutende Zukunft“ verwehrt.

Die Sache mit der DSGVO

Wenn man der Kunst einen externalistischen Wert zusprechen möchte, so ist einer davon sicher, dass sie es vermag, alltägliche Lebenswelt der Vergangenheit für die nachfolgenden Generationen erlebbar und rekonstruierbar zu halten. Sie leistet hier vielleicht als eine kulturelle symbolische Form Dimensionen der Konservierung, wie sie der Wissenschaft und Geschichtsschreibung so nicht möglich ist. Viele Menschen glauben, dass der Spirit einer Epoche durch die Kunst seiner Zeit erlebbar wird. Das Dublin von damals im Ulysses von James Joyce, angeblich wieder aufbaubar aus den Zeilen des Poeten. Das Frankreich eines verblichenen Jahrhunderts in den Gemälden der Impressionisten und die Erahnbarkeit der sich aufbrauenden Eskalation des antisemitischen Gewaltpotentials dieser Nation in den Ergüssen eines Ernst Moritz Arndt (Kein fw ohne diese Polemik!). Für die Fotografie als Kunst stehen Namen wie Henri Catier-Bresson, es ist eine Fotografie der Gesellschaft die immer mehr als rein dokumentarischer Report gewesen ist.
Um die Zukunft dieses Potentials der Fotokunst läuft gerade eine Debatte darüber inwiefern eine Straßenfotografie wie die Bressons noch Angesichts des Gesetzes hier wohl durchführbar sein wird.
Zur Einordnung: Seit dem 25.05 trat eine neue Gesetzgebung zur Datenerhebung, die DSGVO (Datenschutz Grundverordnung) in Kraft. Die bisherige Abwägungspraxis aus Panoramafreiheit, Kunstfreiheit seitens der Fotografinnen und dem Recht am eigenen Bild seitens der menschlichen Fotomotive könne dadurch an Geltung verlieren, so die Befürchtungen.

Im Netz kursieren allerhand Kommentare, Gutachten und „Klarstellungen“ dazu. Die einen sehen den Untergang der Fotografie als Ganzes besiegelt, andere treten als Apologeten des Gesetzes auf. Von Reinigung des Markes ist in diesem Zuge die Rede. Eine dritte Kategorie von Artikeln stellen gehässige Dreiviertel-Volljuristen dar, die den Rest der Leute darüber bashen, alles falsch verstanden zu haben, weil das doch absolut eindeutig ist.

So richtig verlässlich klar gemacht hat aber bislang niemand, ob eine künstlerische Fotografie eine Datenerhebung in Sinne der EU-DSGVO ist oder nicht.

Dieser Kommentar versteht sich nicht als Beitrag zur Klärung der juristischen Situation, der Autor des Textes sieht sich dazu auch nicht qualifiziert. Es ist jedoch (s)ein Anliegen, hier eine Sorge um allgemeine Wirkung der Art und Weise zu anzusprechen, welche die Debatte gerade für das Image der Portrait- und Straßenfotografie hat. Der Kommentar basiert auf der eigenen Erfahrung die man als Fotograf derzeit auf der Straße durchaus macht und einer Rezeption der Beiträge zur DSGVO.

 

Bereits vor der DSGVO-Debatte fing das fragwürdige Debattieren an. Auf Sebastian Edathys PC wurden damals Kinderpornos oder irgendwie kinderpornoartiges Grauzonen-Fotomaterial gefunden. Die legislativen Folgereaktionen, auch „Lex Edathy“ genannt, hatten dann problematisierende Auswirkungen auf die Straßenfotografie. Spätestens hier drängt sich die Frage auf, was das eine mit dem anderen Phänomen zu tun hat. Jedenfalls scheint es nun erheblich schwieriger zu sein mittags im öffentlichen Raum Kinderpornos anzufertigen, soweit so gut. Unklar ist auch, ob die Edathy Sache einen direkten kausalen Einfluss auf die Novellierung hatte. Und das Unklare ist ein Motiv, welches seitdem die Debatte um die Straßenfotografie begleitet. Mit der Sache um die DSGVO rollt nun die nächste Debatte und Artikelflut über die Timelines sozialer Netzwerke. Mit ebenfalls zumeist eher angst- als klarheitsschaffender Wirkung.

Das gravierendere Problem ist die psychologische Wirkung, welche die Debatte um das Gesetz ausstrahlt. Es mag generell stimmen, dass wo kein Kläger da kein Richter, aber ein informeller Aspekt der mit einer gesetzlichen Delegitimation einhergeht, ist eben die Außenwirkung. Wenn es nun schon eine Debatte über die Strafbarkeit des Fotos im öffentlichen Raum gibt wird es genug formalistisch eingestellte Charaktere geben die das Fass auch bei jeder Gelegenheit, ungeachtet einer Qualifikation, aufmachen wollen. Einfach nur, um sich in der Rolle des Hilfssheriffs zu fühlen und diese sozialsadistische Motivation elegant und unangreifbar hinter der Fassade von Gesetzestreue zu kaschieren. Auch wenn es kein Problem gibt, gibt es halt immer die Möglichkeit, jemandem anzuschwärzen.
Die andere Horrorvorstellung ist die „industrielle Abmahnwirtschaft“: Man könnte sich eine Art professionalisierte Anwaltskanzlei vorstellen, die zufällig aufgenommene Personen auf öffentlich geteilten Bildern ausfindig macht und die Bildersteller wegen Verstößen gegen Datenerhebungsvorschriften zu astronomischen Strafbeträgen verurteilt.

So bekommt die Kamera im öffentlichen Raum eben ein spezifisch neues Image. Wo man vorher Teil des künstlerisch kulturellen Schaffens war, tritt man nun in die Schattenwelt der beinahe, vielleicht oder unter irgendwelchen Umständen Kriminellen. Wie auch immer, irgendwie Grauzone halt. Man hat eben gelesen und gehört, dass das irgendwie schlimm ist. Und dafür ist es unerheblich, wie stichhaltig die juristischen Gegebenheiten für die Fotografie und wie unwahrscheinlich ernsthafte Folgen für die fotografische Praxis auch sein mögen, schon die  Debatte hat eine negative diskriminierende Wirkung für die Personenfotografie als Ganzes.
Wer derzeit mit der Kamera im öffentlichen Raum unterwegs ist, kennt das Phänomen, probieren Sie es aus. Bei einer Aufnahme vom Marktplatz mit oder ohne geringfügigen menschlichen Beiwerken, wird es effektiv mehr Leute geben die einen darauf ansprechen, dass das doch nun verboten sei. Diese Menschen sind nicht von Persönlichkeitsrechtsverletzungen betroffen, sie sind keine potentiell Geschädigten, keine Polizisten keine Juristen, die aufgrund irgendwelcher Regeln zum Einschreiten eidlich verpflichtet sehen, sobald sie jemanden beim Wildpinkeln erblicken. Es sind Leute mit einem gewissen Maß an Formalismus unter der Hirnschale, die einfach einem typisch zentraleuröpäischen Hobby frönen, nämlich ohne jede Not in den alltäglichsten Situationen zur Bürgerwehr zu mutieren. Schizoiderweise läuft das allgemeine Verhalten mit den eigenen Daten und Informationen diesen Schutzreflexen, welche Menschen jetzt gegenüber Straßenfotografinnen an den Tag legen, diametral entgegen. Jeder akzeptiert die AGB von denen man insgeheim weiß, dass sie nicht mit den eigenen Ansprüchen an Datensparsamkeit zusammengehen. Aber der Straßenfotograf ist eben ein greifbarer Faktor. Hier hat man ein Gesicht zu den Datenerhebenden, hier kann man was machen, hier muss man was machen. Egal ob es überhaupt ein Problem mit Persönlichkeitsreichten gibt oder nicht.
Vor dem medialen Echo um die Legalität der Fotografie im öffentlichen Raum kam das Thema im moralischen Kompass der präkonventionellen Hilfspolizei unter Garantie auch gar nicht vor. Und in 90% gab es weder Anstoß noch Problem bei der Straßenfotografie.

Das andere Problem, vielleicht sogar das perfidere, ist die Selbstzensur der Künstlerin. Es sind ja eben nicht nur die anderen, die formalistisch autoritäre Charakterzüge internalisiert haben. Man selbst hat natürlich auch diesen latenten Drang in sich, ein guter Untertan vor dem Gesetz zu sein und schon in masochistisch vorauseilendem Gehorsam dem Leviathan Tribut zu zollen. Auch wenn dieser Wille eher ein solcher ist, der vornehmlich in einem sich letztlich selbst regierenden Kopf stattfindet. Eine reale oder erwünschte soziale Erwünschtheit ist etwas, nach dem wir tagtäglich, vollkommen unreflektiert unser Handeln ausrichten.
Wenn Sie bislang Straßenfotografie betrieben haben, überlegen Sie einmal selbst, wie sich Ihre Schaffenspraxis seit der Debatte verändert hat. Und wann, wenn Sie kein Foto gemacht haben sollten, waren ernsthafte juristische Bedenken und Sorge vor Geldstrafe der Grund?

Nebst aller absurden Kriminalisierung existieren selbstverständlich die Fälle, für die jede Form von rechtlicher Verschärfung sinnvoll und notwendig sind. Dann aber bitte mit einer klaren juristischen Präzisierung. Wer zum Beispiel sieht, dass jemand mit der Handykamera fleißig Fotos vom Innenleben der Kabinen in der Damentoilette macht, sollte alle menschenrechtlich noch vertretbaren Mittel ausschöpfen, dieses Verhalten bei den Täter_innen dauerhaft zu unterbinden. Also selbstverständlich die Polizei alarmieren. Man sollte aber irgendwie davon ausgehen, dass das bisherige Arsenal an strafrechtlichen Regelungen zur Bekämpfung solcher Widerlichkeiten eigentlich ausreichend sein müssten.

Eines ist klar: die DSGVO wirft für die Fotografie Fragen auf. Juristisch geschulte Leute mögen dies nicht ernsthaft als unklar empfinden, aber die grobe Masse ist ob der Situation verunsichert. Darum ist es hier unerheblich ob es sich nur um Fragen in den Köpfen von Laien handelt oder ernsthafte juristische Fragestellungen. Ein bewährtes, allgemein verständliches, für Jura-Laien leicht nachvollziehbares, aber vor allem eingespieltes System der Abwägung von Freiheit der Kunst und dem Recht am eigenen Bild wird nun ausgetauscht, und an seine Stelle tritt eine von Nicht-Juristen als diffus empfundene Unklarheit, ein Dunkel in dem sich Halbwissen, Angst und Abwehrreaktion aller Beteiligen breit macht und in Debatten Bahn bricht die von Leuten mit fragwürdiger Beurteilungskompetenz geprägt ist. Was unter dem Strich vielfach im Kopf stehen bleibt, ist die direkte Verbindung der Themen Fotografie und Kriminalität und das ist das was den größeren Schaden anrichten dürfte, weil es ein Klima aus Selbstzensur und sinnloser Anfeindung auslöst.
Der Wert der Fotografie als kulturelles Archiv der Vergangenheit droht dadurch ernsthaften Schaden zu nehmen.

 

Zitate: „Vor dem medialen Echo um die Legalität der Fotografie im öffentlichen Raum kam das Thema im moralischen Kompass der präkonventionellen Hilfspolizei unter Garantie auch gar nicht vor.“

„Das gravierendere Problem ist die psychologische Wirkung, welche die Debatte um das Gesetz ausstrahlt.“

 

 

 

Durchstarten mit Start-Ups und irgendwelchen Ideen

Wie man sich seinen Arbeitsplatz einfach selbst schafft

Noch vor wenigen Jahrzehnten war es üblich, dass Menschen ihr Leben lang im selben Unternehmen arbeiteten, heute ist die Arbeitswelt dank fortschreitender Rationalisierung, häufigen Insolvenzen und nicht zuletzt dank eines legereren Umgang mit dem Kündigungsschutz viel dynamischer. Das Wirtschaftsleben ist im ständigen Wandel –  mit gewissen Grenzen, versteht sich. Gerade junge Menschen wollen zunehmend selbst etwas im Wirtschaftsleben verändern – in gewissen Grenzen, versteht sich. Ziel vieler Veränderungen junger Menschen im Wirtschaftsleben ist es, Räume zu schaffen, in denen junge Menschen die Möglichkeit bekommen, etwas im Wirtschaftsleben zu verändern. In gewissen Grenzen, versteht sich.

 

Die Arbeitswelt 4.0

Die Arbeit der Zukunft soll sich von der Arbeit heute im Wesentlichen dadurch unterscheiden, dass man künftig hinter den Namen eine hippe Zahl setzt. Bald werden sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer – hier wird die geläufige Definition übernommen –  in der Arbeitswelt 4.0 bewegen. Diese ist übrigens die traurige Fortsetzung der Arbeitswelten 1.0-3.9 mit weniger Arbeitnehmerrechten, dafür aber mit digitalem Krimskrams. Entscheidende Nachteile der alten Lohnarbeitswelten bestehen jedoch weiter, wie folgender Vergleich mit der klassischen Hausarbeitswelt zeigt: „Man kommt gerade von der Uni heim und denkt an das schmutzige Geschirr, das man gestern hat stehen lassen, und das man gleich noch spülen sollte. In der Küche merkt man dann, dass sich bereits ein*e liebe*r Mitbewohner*in erbarmt und diese Aufgabe erledigt hat. In der Hausarbeitswelt kann man sich entspannt ausruhen, wenn alle nötigen Arbeiten erledigt sind, in der Lohnarbeitswelt jedoch ist dieser Zustand untragbar und führt zu sinnlosen – in diesem Kontext aber sinnvollen – Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, etwa dem Einfangen erntevernichtender Maikäfer oder Großprojekten wie dem Ausbau Berlins als Hauptstadt, der Zerstörung Berlins im Endkampf und dem erneuten Ausbau Berlins als Hauptstadt.

All das ist jedoch nicht unbedingt für jede*n das Richtige. Da man in den meisten Unternehmen als Berufseinsteiger heute ohnehin kaum mehr etwas verdient, wird die Option einer Unternehmensgründung für viele immer attraktiver. Schließlich haben viele Unternehmen einmal als kleiner Betrieb angefangen – sofern sie nicht im 3. Reich von Zwangsarbeiter*innen aufgebaut wurden. Eine Unternehmensgründung ist eine reizvolle Möglichkeit, sich in der Arbeitswelt 4.0 zu behaupten. Vorteilhaft an dieser Idee ist die sehr weitgehende Ausschöpfung der Arbeitskraft: Wer selbst die eigene Belegschaft ist, wird sich wohl kaum über Mehrarbeit beschweren oder krankheitsbedingt ausfallen. Für eine Unternehmensgründung braucht man eigentlich nur zwei Dinge: Eine Idee und einen Plan. Ein Businessplan ist ist das A und O für eine erfolgreiche Unternehmensgründung. Nur wer plant (Wie hoch ist die Nachfrage? Wie hoch sind meine Kosten?) wird Erfolg haben. Vorsicht: Pläne sollten sich stets nur auf das eigene Unternehmen beziehen. Gehen Planungen darüber hinaus, führt das ohne Umwege zur kommunistischen Planwirtschaft. Pfui!

Dank großzügiger Förderung für neue Unternehmen hängt zumindest der mittelfristige Erfolg nicht mehr so sehr von einer Geschäftsidee ab. Ganz verzichten kann man darauf jedoch nicht. Hier ein paar Beispiele:

 

 

Selber haben? Einfach mieten!

Früher war es üblich, sich Dinge fest anzuschaffen, heute gibt es viele Menschen, die das nicht mehr für nötig halten. Was man nur mal ab und zu braucht, muss man sich nicht dauerhaft zulegen: Ob ein Auto in der Großstadt oder das Parteiprogramm der SPD. In Zukunft werden wir immer mehr Dinge einfach mieten, wenn wir sie brauchen, weil das ja schon bei Wohnraum so gut klappt. Mit dem festen Ansporn, diese Idee auf alle Bereiche unseres Lebens zu übertragen, kamen einige Starter*innen auf eine Idee mit Zukunft:

Viele junge Menschen kommen zusammen um gemeinsam Ideen und Projekte für junge Unternehmen zu entwickeln. Daraus ist schon vieles gewachsen: Zahlreiche Jungunternehmer*innen haben leerstehende Ladenlokale gefunden, in denen sie gerne vor einer puristischen Kulisse aus Euro-Paletten und schicken Computern sieben bis acht Stunden bei Facebook rumhängen und von Passantinnen beobachtet werden wollen. Oft fehlt es nur an Kleinigkeiten, etwa potentiellen Kund*innen oder einer Geschäftsidee. Doch wieso braucht man denn gleich eine eigene Geschäftsidee für sein Unternehmen, wenn man doch ohnehin die meiste Zeit im Ladenlokal dafür nutzt, nette Fotos für Instagram zu machen, bis man nach wenigen Monaten die Miete nicht mehr zahlen kann und die Firma zu Twitter umzieht? Wieso nicht einfach eine unnütze Geschäftsidee mit anderen Menschen teilen? Warum nicht zusammen mit vielen anderen jungen Unternehmen gemeinsam an einem Misserfolg teilhaben? In den nächsten Jahren wird es immer beliebter werden, anstelle der mühsamen Erarbeitung eines Unternehmenskonzeptes einfach ein bereits mehrfach erprobt erfolgloses Konzept zu mieten. Erste Tests sind vielversprechend: Da die Kund*innen in der Regel ohnehin Verwandte sind, die damals in der Grundschulzeit auch schon aus Mitleid zu diesen furchtbaren Schulaufführungen gekommen sind, konnten bereits erfolgreich in einigen Unternehmen Einnahmen in Größenordnungen mehrerer Zwei-Euro-Stücke und einiger Kinderriegel generiert werden.

Wer nach einer Geschäftsidee sucht, sollte auf jeden Fall bei der Ideenvermietung vorbeischauen.

 

Innovation mal zwei bringt Erfolg hoch zwei

Einen anderen Weg gehen ein paar junge Visionär*innen, deren Projekt es ist, frühere Erfolgskonzepte einfach zu verdoppeln: Im Dschungel der Vergleichsportale im Internet findet man sich kaum noch zurecht, Abhilfe schafft hier künftig Vergleichsportal-Vergleich-24.de. Wer sich hingegen von seiner Ankaufsseite für Gold, Gebrauchtwagen oder Nieren trennen möchte, dem wird bei wir-kaufen-deine-wir-kaufen-seite.com garantiert ein gutes Angebot gemacht.

Besonders hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang ein Forschungsbüro, dank dessen Entwicklungen bald die Schlagzeilen um die Enthüllung neuer Abschalteinrichtungen in deutschen Diesel-Fahrzeugen ein Ende haben werden: Die neue Abschaltsoftwareabschaltsoftware erkennt eigenständig, ob im Auto gerade nach Abschaltsoftware gesucht wird und schaltet diese sofort ab. Dieser Idee steht wohl eine ähnlich rosige Zukunft wie der deutschen Automobilindustrie bevor!

 

Neben diesen erfolgreichen erfolglosen Unternehmen gibt es aber auch einige Branchen, in denen immer mehr erfolglose Unternehmen keinen Erfolg haben: Ruhiger geworden ist es etwa im Medienbereich. Seit jede*r Internetnutzer*in in den sozialen Netzwerken aus einem verunglückten Omelett zum Frühstück ein Medienereignis machen kann, was dann auch noch – und dies mag dann doch erstaunen – auf das ernstliche Interesse anderer Menschen stößt, macht ja quasi jede*r „irgendwas mit Medien“. Es sei hier dringend davon abgeraten , seinen Lebensunterhalt im Medienbereich verdienen zu wollen: Aktuell können in der gesamten Branche bundesweit nur gut zwei Duzend Menschen, die mit Medien arbeiten, davon leben, Hellseher eingeschlossen.

Noch eine Warnung: Abgrenzen muss man eine richtige Unternehmensgründung von der sogenannten Scheinselbstständigkeit. Dabei handelt es sich nur um ein normales Arbeitsverhältnis, das zur optimalen Nutzung der Kapazitäten der Arbeitnehmer*innen bei minimalen Kosten, die Selbstständigkeit lediglich vorspielt. Hier verdient man also auch kaum, muss sich dafür aber noch mehr als sonst üblich ausbeuten lassen.

 

Fazit: Wer sich lästiges Bewerbungsschreiben nach dem Studium sparen will, für den ist die Gründung eines eigenen Unternehmens goldrichtig. Hier kann man sein*e eigene*r Chef*in sein, auch wenn diese Freiheit nicht ganz so groß ist, wie man zunächst denkt, wenn man bedenkt, dass unser Wirtschaftssystem Menschen zwingt als Leiter*in von „Frisurmanufakturen“ oder als „Butterstullendesigner*in“ zu arbeiten. Darüber hinaus bietet eine Unternehmensgründung auch weitere interessante Perspektiven wie Subventionsbetrug, steuerlich günstige Dienstwagen und lustige Phantasietitel: „Guten Morgen, Herr Generaldirektor.“ Insolvenzverschleppungen sind eine gute Möglichkeit, den Kontakt zu seinen Geschäftspartner*innen länger zu erhalten und auszubauen.

Also los! Hieß es früher noch, der Weg sei das Ziel , können wir heute überzeugt sagen: Schon der Start reicht völlig. Mit etwas Glück seid ihr schon morgen das, was die ehemaligen Betreiber*innen von Videotheken oder Internetcafés heute sind.

Studierende vs. Polit-Profi?

Medienberichte über Sigmar Gabriels Antrittsvorlesung

 

Die Universität Bonn hat mit der Antrittsvorlesung von Sigmar Gabriel viel mediale Aufmerksamkeit erhalten. Zahlreiche Medienvertreter befanden sich vor Ort und noch mehr Medien berichteten im Anschluss über die Veranstaltung (wir berichteten ausführlich in FW #35). Im Rahmen der Veranstaltung ist es auch zu Protesten von Studierenden gekommen – wie wurden die Geschehnisse medial aufgegriffen?

 

In der offiziellen Pressemitteilung der Universität Bonn vom 12. Januar heißt es, das Engagement von Sigmar Gabriel füge sich „in die Strategie der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ein, die ihr 200-jähriges Jubiläum im Jahr 2018 zum Anlass nimmt, die Universität […] noch stärker als Schnittstelle zwischen der Wissenschaft und der nationalen wie internationalen politischen Debatte zu etablieren.“ Dieser Kontext wurde jedoch wenig bis gar nicht von den untersuchten Medien in den Berichten über die Veranstaltung aufgegriffen.

 

Dem Bonner General-Anzeiger gab Gabriel bereits im Januar ein Interview (Veröffentlichung am 15. Januar), in dem er seine eigene Rolle als Gastdozent herunterspielt („[…] in bescheidenem Umfang. Das klingt sonst so bombastisch.“) und erklärt, sein Engagement sei „ehrenamtlich und ohne jede Bezahlung.“ Wie der Express (26.1.) vorab berichtete, spiele bei einer öffentlichen Veranstaltung dieser Kategorie auch die Sicherheit eine wichtige Rolle, weshalb die Frage aufgeworfen wird: „Der Außenminister und Vizekanzler in der Uni – wird der Hörsaal dann zum Hochsicherheitstrakt?“ Es folgen Absätze über Sicherheitsvorkehrungen und ein kurzes Zitat von Gabriel, der dem Express sagte: „Europa, das ist unsere Zukunft – darüber müssen wir nachdenken, forschen, diskutieren. Bonn, das ist eine international ausgerichtete Stadt mit einer traditionsreichen Universität, die den Blick nach vorn und nach Europa richtet. Deshalb freue ich mich sehr auf die Diskussion mit den Studierenden.“

Die Veranstaltung im Hörsaal 1 des Hauptgebäudes war sehr gut besucht und es waren erwartbar viele Journalisten vor Ort. In der Sueddeutschen Zeitung (Artikel vom 16.4.) kann man sich zur Beschreibung der Stimmung im Auftakt des Textes einen Seitenhieb in Richtung der SPD nicht verkneifen: „Die Studenten sind freundlich, sie zollen dem von seinen Genossen geschassten Außenminister mehr Beifall als mancher SPD-Parteitag.“ Die Proteste der Studierenden sind der Sueddeutschen nur zwei knappe Sätze wert.

Ein Bericht der Zeit Online beginnt mit dem Absatz: „Sein erster Auftritt als Dozent dauert gerade mal 15 Minuten, da regt sich im Hörsaal I der Universität Bonn Protest. Auf der Empore entfalten Studierende ein Transparent, auf dem steht: „Gegen Iran-Siggi. Für Israel.“ Sie werfen Sigmar Gabriel vor, mit dem Atom-Deal mit Iran und Waffenlieferungen an arabische Staaten die Sicherheit des Staates Israel gefährdet zu haben. „Posterboy der Hamas“ nennen sie ihn auf Flugblättern, die von der Empore flattern.“ (Zeit Online am 16. April) Im Vorfeld hatten die Liste undogmatischer StudentInnen (LUST Bonn), das Bündnis gegen Antisemitsmus Köln und Refugees Welcome Bonn e.V. zu Protesten aufgerufen und zu einer Kundgebung eingeladen. Der SDS war ebenfalls vor dem Hörsaal mit einem kritischen Transparent, wurde jedoch in keinem Medium erwähnt – worüber man sich im Anschluss bei Facebook beklagte. Die Fotos der Banner im Hörsaal sind jedoch gut von Journalisten der dpa und Reuters in Fotos und Videos dokumentiert worden und kommen in fast allen Berichten über das Ereignis vor. Die Namen der Gruppen werden jedoch nur im Artikel der Jerusalem Post genannt, die auch einen Tweet mit einem Foto des Flyers im Text einbettet – allerdings Refugees Welcome als teilnehmende Gruppe auslässt.

 

In fast allen Berichten wird Sigmar Gabriels souveräner Umgang mit der Situation positiv beschrieben. „Sie müssen sich jetzt umdrehen, da hängen die ein Plakat über Israel raus. Wenn Sie sich das nicht angucken, sind die enttäuscht“ zitiert der Deutschlandfunk Kultur in seinem Beitrag vom 16.4. Gabriels unmittelbare Reaktion auf das Transparent. „Doch der Protest war eher eine Steilvorlage für den Polit-Profi aus Berlin. Lässig auf seinen linken Unterarm gestützt, lächelte Gabriel und parierte die verbalen Attacken der Studenten wie ein Torhüter die Bälle beim Aufwärmtraining.“ (Kölner Stadt-Anzeiger, ksta.de vom 16.4.), die Huffington Post (16.4.) titelt über einem Video: „Universität Bonn: Gabriel wird ausgebuht – dann bringt er den Saal zum Lachen“. Der Spiegel schreibt in einem Artikel (Spiegel Online vom 16.4)., für Gabriel seien die Protestaktionen „eine Steilvorlage: Abgelesene Reden präsentiert er ganz ordentlich, richtige Qualitäten aber zeigt er im direkten Disput.“ „Gekonnt beruhigte er die Meute und entgegnete seelenruhig: „Passen Sie auf. Was halten Sie davon, wenn ich Ihre Fragen beantworte?“ berichtet der Merkur, dessen Bericht vom 16.4. den Titel „Dozent Gabriel an Uni ausgebuht – so souverän kontert er“ trägt.

 

Die Erklärungen des Flyers werden in den Berichten entweder nur sehr verkürzt oder gar nicht wiedergegeben, oftmals entsteht der Eindruck einer unausgereiften Protestaktion. „Und die bunt gemischte Zuhörermenge kam auf ihre Kosten: Gabriel hielt nicht nur einen spannenden Vortrag. Er konterte auch lautstarke Demonstranten freundlich-lässig aus.“ (Express am 17.4.). Medial wird also Sigmar Gabriels offene Haltung zum Dialog dadurch konterkariert, in dem die protestierenden Studierenden nicht als gleichwertige Diskussionspartner dargestellt werden. Die Zeit gibt ihrem Artikel – nicht ganz ohne Biss – den Titel „Der Welterklärer an der Uni“ verweist damit vor allem auf die ausholenden Erklärungen Gabriels zur weltpolitischen Situation. Es kann jedoch auch auf sein Verhalten gegenüber den Studierenden übertragen werden, dessen gutväterliches und belehrendes Auftreten die Studierenden herabsetzt. „Für sie ist der Mann da vorn offenbar noch immer amtierender Außenminister“ schreibt die Rheinische Post (RP Online am 16.4.) und suggeriert, dass sich die Proteste sogar an die falsche Person richteten, ein Politiker nach dem Ausscheiden aus dem Amt nicht mehr mit vorherigen Handlungen konfrontiert werden könne. Haben sich die Studierenden etwa einfach nur vertan?

 

Wenn in den Medien wieder die Diskussion aufkommen sollte, ob und warum die Studierenden unserer Zeit unpolitisch seien, dann könnte man die mediale Haltung zu studentischen Protesten immerhin als möglichen Teil einer Antwort in Betracht ziehen.

 

Der inhaltliche, politische Teil seines Vortrages wird überwiegend als „sehr seriös“ (RP Online) oder gar als „eine Lektion in Realpolitik“ (Sueddeutsche) bezeichnet. Die Zeit kommt zu dem Urteil, Gabriels Auftritt liefere „einen Einblick in die Welt der Diplomatie und in die Abgeklärtheit eines Mannes, für den das internationale Parkett viele Jahre eine geliebte Bühne war“. „Vor lauter weltpolitischen Zusammenhängen sind selbst die Protestierer nach ein paar Minuten verstummt.“ (General-Anzeiger Bonn) Eine Einordnung oder Kommentierung seiner Aussage? Überwiegend Fehlanzeige. Mit „tosenden Applaus“ (Express) endete die erste Vorlesung Sigmar Gabriels.